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Die Geschichte einer Puppe

Es ist die Geschichte einer Puppe. Bis vor kurzem hatte sie ihren Platz im Schrank einer jüdischen Rechtsanwältin aus Krakau, die während der Schreckensherrschaft der Nazis Zwangsarbeit verrichten musste. Steine klopfen - eine Arbeit, die ihr wie all ihren Mithäftlingen die Würde nehmen und ihren Willen brechen sollte. "Arbeit macht frei", lautete die zynische Inschrift über den Toren von Auschwitz, wenige Kilometer westlich von Krakau. Statt Freiheit erwartete die meisten, die dieses Tor durchschritten, der Tod in der Gaskammer. Ein kleines Mädchen muss während des Transports ins Vernichtungslager geahnt haben, was es erwartet. In dem Moment, als ihr Zug an den Zwangsarbeiterinnen vorbeikommt, wirft sie einer Frau ihre Puppe zu mit den Worten: "Hab sie lieb!" Es ist die erwähnte Anwältin, die sie auffängt. Jahrzehntelang behält sie diese Geschichte für sich. Erst auf dem Sterbebett erzählt sie davon und lässt die Puppe von ihrer Zuhörerin aus dem Schrank holen, um sie ihr anzuvertrauen. Mit denselben Worten, die ihr das Mädchen damals zugerufen hat und die auch ihre letzten sind: "Hab sie lieb!" Die Zuhörerin von damals ist die Ehefrau des langjährigen deutschen Generalkonsuls in Polen, Lee-Elisabeth Hölscher-Langner. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den ehemaligen KZ-Häftlingen bei der Bewältigung ihres Alltags zu helfen - solange sie leben. Dazu hat sie in Krakau einen Freiwilligen-Einsatz von jungen Leuten organisiert. So ist es gekommen, dass junge Deutsche in Krakau alte Menschen betreuen, die Auschwitz überlebten. Es ist, als würde das Mädchen, die Puppe, die ehemalige Zwangsarbeiterin allen zurufen: "Habt die Überlebenden lieb!" (Aus: Welt am Sonntag 16/2000) Tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann! 1.Thessalonicher 5,14



Axel Kühner "Zuversicht für jeden Tag"

© 2002 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, 7. Auflage

2017 / Mit freundlicher Genehmigung des Verlages


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