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»Gedanken für den Tag«

  • AutorenbildAxel Kühner

Wer ist frei?

Der Wüstenwanderer etwa, der einsam in der Wegelosigkeit und Endlosigkeit unterwegs ist? Sein Weg ist das Ziel, und sein Ziel ist der Weg. Er ist mit der glühenden Sonne, dem eintönigen Sand, der empfindlichen Nachtkälte allein. Es gibt keine Wege und Gesetze, weder Verordnungen noch Verantwortungen. Er kann gehen, wohin er will, machen, was er will, lassen, was er nicht will. Ungebunden und frei ist er, für niemanden und nichts verantwortlich und zuständig. Heimatlos, wegelos, vielleicht ziellos, absichtslos, bisweilen orientierungslos, beziehungslos, bindungslos, ist das die Freiheit? Ist die Anhäufung von -losigkeiten schon die Freiheit oder nur die Armut und Ausgesetztheit? Der Wüstenwanderer, der alle Bindung und Behausung verlässt, um die Weite und Freiheit zu finden, wird an seiner falschen Freiheit zugrunde gehen. Denn im Freien ist der Mensch gar nicht frei. Dort ist er nur besorgt und preisgegeben. Im Begrenzten bin ich frei. Im geschützten Raum, im bergenden und abgeschlossenen Gelass bin ich frei und gelassen. In der Fürsorge und Liebe Gottes eingeschlossen, in seiner guten Hand bewahrt, von seiner Treue festgehalten, von seiner Weisheit geleitet, finden Menschen die Freiheit des Lebens. Er ließ sein Volk ausziehen wie Schafe und führte sie wie eine Herde in der Wüste; und er leitete sie sicher, dass sie sich nicht fürchteten. Und er weidete sie mit aller Treue und leitete sie mit kluger Hand Psalm 78,52f.72

 

Axel Kühner "Hoffen wir das Beste"

© 1997 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, 9. Auflage 2016

Mit freundlicher Genehmigung des Verlage


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